Nach zwei Tagen Schreckstarre findet mein Geist wieder zum Körper zurück, um Tabak zu kaufen. Skeptisch schaue ich durch die halb geöffnete Haustür auf die Seestraße, aber es sieht alles aus wie zuvor. Keine gelb-schwarzen Wimpel an den Balkonen, sondern gewohnt sattes Rot hinter dem Mond und gelbes Herbstlaub. Es ist kühl geworden, ich muss die Strickjacke schließen, naht jetzt der soziale Winter oder der nukleare? Nach einer Wahl herrscht oft Aufbruchstimmung, auch jetzt, ich muss nur noch das richtige Land finden. Ganz anders im Spätkauf in der Seitenstraße, dort weht frischer Unternehmerwind hinein.
Eigentlich ist es ein Internetcafé mit Telefonbuden und Kaltgetränken, erweitert um Tabak, Kartoffelchips und Lotto. Multishop steht über der Tür, und jetzt laufen die Planungen für noch mehr Multi. Hier regiert eine junge Frau, die hektisch auf den jungen Schluffi-Verkäufer einredet und auch mir ihre Pläne eröffnet.
Bald gibt es hier auch Kaffee, sagt sie, aber richtig guten Kaffee, ich kann mich aber nicht entscheiden, kennen Sie Mokambo?
Den Kaffee? Klar.
Mokambo oder Segafredo, welcher ist besser?
Ach die sind beide gut.
Gibt es bald hier, bald gibt es hier richtig guten Kaffee. Ist das gut? Ich zögere.
Ja, das ist toll.
So eine richtige Maschine kommt hier hin, sie wedelt in Richtung einiger gestapelter Bierkisten, ich hab das schon gemacht den Jungs hier zeige ich wie das geht und dann gibts immer guten Kaffee. Der Verkäufer schaut leidlich überzeugt, lächelt aber scheu.
Dann können Sie auch vor der Arbeit hier richtigen Kaffee holen.
Kaffee Togo?
Korrekt. Und, ist das gut?
Ja, wunderbar.
Und ich hab so überlegt, eins dreißig ist doch guter Preis.
Ja tatsächlich, sage ich, fast zu wenig, können Sie doch auch eins fuffzig draus machen.
Nee, ich weiß doch, Ihr seid hier doch alle Hartz IV. Hatte sie nicht eben gesagt, man könne sich den Kaffee vor der Arbeit holen?
Aber gibt nicht nur guten Kaffee hier bald, sondern hier, sie deutet wieder auf die Bierkisten, kommt so ein Glastresen hin. Dann können Sie zum Kaffee noch ein Stück Kuchen mitnehmen, so Brownies und so, alles extra eingepackt. Und? Ist das gut?
Ja, das ist gut, sage ich.
Hinter mir hat die Schlange in der Zwischenzeit ein Wartenummersystem entwickelt, es werden Ehen geschlossen und geschieden, die Kinder sind aufgewachsen und aus dem Haus. Bin sehr gespannt, sage ich und winke.
Ja, das wird super, ruft sie, ist doch eine gute Idee, oder?
Ja, sehr gut.
Vor dem Laden greift eine Frau meines Alters in eine Mülltonne und fischt eine Plastikflasche heraus, die in ihrer Umhängetasche verschwindet. Hat sie gewählt? Vermutlich nicht.
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